Jürgen May

HANS PERATHONER UND DAS LEINEWEBERDENKMAL IN BIELEFELD

- Ein Grödner Künstler im Ravensburger Land -

 

Zu den Erlebnissen meiner Kindheit in meiner Heimatstadt Bielefeld in Westfalen gehört die Erinnerung an ein Denkmal, das damals als "der alte Leineweber" bezeichnet wurde: eine knorrige Figur mit Holzschuhen, Stock und einer Art Rucksack, zu deren Füßen ein Brunnen plätscherte. Daß es sich dabei um eines der wichtigsten Werke eines Künstlers aus Ladinien handelte, ahnte ich damals freilich nicht. Erst vor kurzem wurde ich mehr zufällig wieder auf das Denkmal aufmerksam, als ich wegen ganz anderer Dinge im Istitut Cultural Ladin «Micurá de Rü» recherechierte. Jedenfalls schien mir diese Verbindung meiner Heimatstadt mit der ladinischen Kultur Anlaß genug, der Sache einmal auf den Grund zu gehen.

Der Schöpfer des Leinewebers, Hans Perathoner, wurde 1872 in Pontives, Pfarre St. Peter hinter Lajen in Gherdëina/Gröden geboren, an der ladinischdeutschen Sprachgrenze. Seine Mutter war Fassanerin. Im benachbarten Urtijëi/ St. Ulrich besuchte er die Bildhauerschule, wo ihn Franz Tavella aus La Val/Wengen unterrichtete. Perathoner erwies sich als außerordentlich talentiert und beschloß, seine Studien in München fortzusetzen. Hier stellte er unter Beweis, daß sein künstlerisches Talent auch außerhalb der Heimat Bestand hatte. Seine Werke wurden mehrfach mit Preisen und Auszeichnungen prämiert.1) Als besondere Anerkennung darf man die Tatsache werten, daß Perathoner seit 1904 immer wieder in der Münchner und Wiener Sezession ausstellen konnte 2); letztere stand noch bis 1905 unter der Leitung von Gustav Klimt.

Im April 1907 nahm unterdessen der Unterricht in der eben errichteten Bielefelder "Handwerkerschule" seinen Anfang 3) Ziel der Schule war es, das Ausbildungsniveau künstlerischer und handwerklicher Berufe zu verbessern, ein Bestreben, daß sich auch in der Gründung des Deutschen Werkbundes im selben Jahr äußerte. Wilhem Thiele, der erste Direktor der Schule, scheint mit Perathoner schon länger bekannt gewesen zu sein, nur ein halbes Jahr nach der Eröffnung, zum Wintersemester 1907/08, holte er ihn nach Bielefeld, wo Perathoner nun als "Lehrer der Bildhauerklasse für Modellieren, Holz- und Steinplastik und als Lehrer für Aktzeichnen und anatomisches Zeichnen" wirkte.4) Was den jungen Künstler bewog, die Metropole München zu verlassen und in das doch eher provinzielle Bielefeld zu gehen, bleibt unklar. Sicher ist, daß Thiele, der offensichtlich große Stücke auf Perathoner hielt, zu einem seiner bedeutendsten Förderer wurde. Immerhin lehnte Perathoner im Januar 1908 einen Ruf an die Kunstgewerbeschule im heimatlichen Urtijöi/St. Ulrich ab.5)

Im Sommer 1908 erhielt Perathoner zum erstenmal Gelegenheit, sich mit der Gestaltung eines öffentlichen Gebäudes bei den Bielefelder Bürgern bekannt zu machen. Er wurde mit de, Ausschmückung der Fassade am Bezirkskommando des Offizierkorps beauftragt (heute Tumerstraße 49). Der Künstler, lobt der Kunstkritiker Franz Bock, habe keine "konventionelle Kriegsvereins-Denkmalsplastik" abgeliefert, sondern: "Die breite Technik wächst ausgezeichnet aus dem Material, dem derben körnigen heraus, sie läßt den Stein mitsprechen."6) In der Tat verleugnet Perathoners Stil auch seine Herkunft nicht. Die Figuren wirken wie aus Holz geschnitzt und beziehen nicht zuletzt daraus ihre Wirkung. Aber schon dieses erste öffentliche Werk blieb nicht ohne Kritik. Leserbriefe in Bielefelder Zeitungen spotteten über Perathoner, "der uns jetzt ein Werk vorführt am neuen Bezirkskommando, vor dem jeder Laie und jeder Voreingenommene vor schrecklicher Freude zittert. Möchte uns dieser Herr Perathoner weiter erhalten bleiben und weiter mit seiner Kunst verhöhnen!"7) "Diese verhungerten, an der Luft ausgetrockneten, zerknitterten und zerknüllten Soldaten, ein Hohn für unser Militär.8)

Daß Perathoner, bei aller Häme, in Bielefeld viele und vor allem einflußreiche Freunde hatte, wurde deutlich, als es an die Planung des Leineweber Denkmals ging. Anlaß für das Projekt war das bevorstehende Jubiläum der 300jähnigen Zugehörigkeit der Grafschaft Ravensburg zu Preußen. Die Feierlichkeiten sollten am 16. Juli 1909 stattfinden.

Der Handel mit Leinen hatte der Stadt Bielefeld seit Jahrhunderten einen gewissen Wohlstand beschert sowie den Ruf eines Handelszentrums im Ravensburger Land eingetragen. Bis heute ist eine ansehnliche Textilindustrie in Bielefeld ansässig. Grundlage für diese Entwicklung war die Arbeit der Leineweber, die die Magistratsakte wie folgt beschreibt: "Zur Feier der 300 jährigen Zugehörigkeit der G[ra]fschaft. Ravensburg zu Brandenburg-Preußen im Jahre 1909 planen wir die Aufstellung eines Monumentalbrunnens, dessen Hauptfigur einen Ravensburgischen Leinenweber darstellen soll. Der Ravensburger Bauer, der das Gewebe des eigenen Betriebes in dem Holster hierher zur Legge und in den Handel brachte, ist vielleicht ein Jahrhundert hindurch eine typische Figur des von der brandenburgisch-preußischen Regierung hier so sehr geförderten und unterstützten Leinengewerbes gewesen. Dieser Leinenweber lebt nicht mehr, ihn aber im Bilde zu erhalten, ist ein vielfach geäußerter Wunsch, zu dessen Erfüllung die Ravensburgfeier einen willkommenen und historisch gerechtfertigten Anlaß bietet."9) Holster nannte man das auf dem Rücken getragene Leinenbündel, in der Legge wurde der Stoff geprüft und mit einem Gütesiegel versehen, bevor er in den Handel kam. Bekanntlich verdrängte im 19. Jahrhundert die industrielle Produktion das Weberhandwerk nach und nach.

Wann genau und von wem erstmals die Idee eines Denkmals ins Gespräch gebracht wurde, läßt sich nicht mehr feststellen. Von Anfang an war aber an eine Brunnenanlage mit Standbild gedacht, die sich in die Gesamtgestaltung eines größeren Platzes einfügen sollte. Anfang August 1908 äußerte sich der schon zitierte Marburger Kunstgelehrte und Herausgeber des "Westfälischen Kunstblattes", Franz Bock, zu der Angelegeheit und schlug mehrere namhafte deutsche Künstler vor, bezieht aber auch Perathoner in seine Überlegungen ein.10) Zu diesem Zeitpunkt schien jedoch Perathoner als Bildhauer längst festzustehen. Thiele hatte ihn offenbar frühzeitig einigen Magistratsmitgliedem vorgeschlagen. Vor allem aber der Oberbürgermeister Stapenhorst setzte sich massiv für Perathoner ein. Es ist nicht einmal ganz auszuschließen, daß der Denkmalsplan von Thiele und Perathoner selbst stammte und über Thiele dem Bürgermeister unterbreitet wurde. Auch während der später folgenden Verhandlungen scheint, wie man sehen wird, kein Zweifel mehr zu bestehen, daß Perathoner das Denkmal ausführen werde. So ist etwa nie die Rede von der öffentlichen Ausschreibung eines Wettbewerbs, wie Bock sie gefordert hatte. Dagegen wurde schon im Sommer 1908 gezielt in der Öffentlichkeit verbreitet, Perathoner sei "geradezu prädestiniert für Brunnen".11) Kurz gesagt, es ging wohl nicht nur darum, der Stadt zur Jubiläumsfeier ein würdiges Denkmal zu schaffen; es sollte auch Hans Perathoner die Gelegenheit gegeben werden, sich durch ein größeres Werk in Bielefeld zu verewigen. Das bestätigt übrigens auch ein späterer Brief Frans Bocks, in dem es heißt: "[ ... 1 halte ich es für unbedenklich, Perathoner den direkten Auftrag zu geben; um so mehr, als ich eine moralische Verpflichtung der Stadt nicht verkenne, dieser für Bielefeld sicher aussergewöhnlichen Kraft bald Gelegenheit zu geben, ihr Können an einer größeren Aufgabe zu zeigen." 12)Weber in Bielefeld des Hans Perathoner

Im übrigen drängte die Zeit, und die Sache nahm zügig ihren Fortgang.13) Am 6. August unterbreitet Thiele dem Magistrat schriftlich den Vorschlag, Perathoner solle das Denkmal ausführen lassen, und reicht Gutachten vor allem von Münchner Kunstprofessoren ein. Schon eine Woche später, am 13. August, besichtigen Mitglieder des Magistrats und einige Sachverständige einen Entwurf des Brunnendenkmals in Perathoners Werkstatt, der den allgemeinen Beifall der Anwesenden findet. Vier Tage darauf beschließt der Magistrat grundsätzlich die Aufstellung eines Denkmals und die Bildung eines Denkmalausschusses. Als Aufstellungsort ist schon jetzt der Altstädter Kirchplatz im Gespräch: am 19. August geht ein Schreiben des Magistrats an das Presbyterium der Kirchengemeinde, in dem man um die entsprechende Erlaubnis ersucht, und schon am nächsten Tag signalisiert der Pfarrer der Altstädter Kirche, Trautermann, sein Einverständnis. Die offizielle Zustimmung, Regelung der Modalitäten usw. erfolgt wenig später.

Nachdem die Präliminarien im Wesentlichen abgesteckt sind, treten die Verhandlungen zwischen Perathoner und dem Magistrat in eine Phase, in der es bereits um konkrete Detailfragen, nicht zuletzt um die zu erwartenden Unkosten sowie das Künstlerhonorar geht. In einem ersten Schreiben veranschlagt Perathoner die Gesamtsumme auf 68000 Mark; vor allem aber gibt er eine äußerst detaillierte Beschreibung seiner Vorstellungen des Projekts, die insofern interessant ist, als die spätere Ausführung des Denkmals zum Teil erheblich davon abweicht:

" Die Gesamthöhe des Denkmals beträgt 7 m. Die Tiefe des Bassins im Durchmesser 6 m. Die Figur des Leinewebers ist 3 in. hoch; sie bildet den abschluß[!] und die Bekrönung des Denkmals.

Der Steinsokel[!] hat eine Höhe von 4 in. Andemselben[!] sind 4 Steinfiguren angebracht die zugleich als Träger des Leinewebers verwendet sind. Die Figuren sollen für die damalige Zeit Tippische[!] Arbeiter darstellen. Am Bassin vom lings[!] und rechts befinden sich 2 Steinfiguren sitzende Kinder mit Leineweber Zeichen, etwa Garn Schiff oder Spule.

Das Wasser entspringt oben aus der Mitte des Sokels und ergiesst sich nach hinten und vorne über zwei Bassins in cirka. 22 Strahlen wie aus der Photographie ersichtlich ins vordere Bassin.14)

Was in den folgenden Wochen geschah, ist nicht bekannt, doch scheint der Magistrat die Denkmalfrage eine zeitlang ruhen zu lassen. Am 21. Oktober jedenfalls wendet sich Perathoner erneut an die Ratsherren, fügt seinem Schreiben eine detaillierte Kostenaufstellung bei und drängt auf eine rasche Entscheidung.15) Schon tags darauf wird nun eine Sitzung zur Vorbereitung der 300-JahrFeier einberufen, in deren Protokoll es heißt: "Alle waren einig, daß der vaterländische Anlaß benutzt werden müßte, die Stadt zu verschönern; daß der Altst[ädter] Kirchplatz sich für das Brunnendenkmal besonders gut eigne und daß Perathoner der zur Ausführung geeignete Künstler sei."16) Probleme bereitet den Ratsherren anscheinend die Finanzierung des Projekts. Für das Denkmal, so heißt es, könnten höchstens 40000 Mark zusammengebracht werden; außerdem sollten die Bielefelder Bürger zu Spenden aufgefordert werden. Man unterbreitet Perathoner Vorschläge zur Verringerung der Kosten: das Denkmal solle insgesamt kleiner ausfallen, für den Brunnen sei Muschelkalk statt Granit zu verwenden, auf zusätzlichen Figurenschmuck sei zu verzichten.17) Perathoner erklärt sich zwar einverstanden, die Kosten niedriger zu halten, besteht aber aus künstlerischen Erwägungen insbesondere auf den Abmessungen des Werkes, denn: "Ein zu kleines Denkmal würde die jetzt zu erreichende Schaffung eines characteristischen Platzes verhindern und dadurch das Städtebild schädigen."18) Auch mag er auf die Sockelfiguren nicht verzichten. Sie sollen, so sein Vorschlag, zunächst als Bossen stehenbleiben, um zu einem späteren Zeitpunkt für 10000 Mark fertiggestellt zu werden. Daraufhin beschließt am 30. November der Rat der Stadt Bielefeld offiziell, Perathoner solle das LeineweberDenkmal errichten.19) Die vereinbarten Modalitäten werden am 18. Dezember vertraglich festgeschrieben.20) Von kunsthistorischem Interesse sind wiederum die darin enthaltenen Angaben über die geplante Ausführung des Denkmals, insbesondere die Beschreibung von Sockel und Brunnen, da diese heute nicht mehr erhalten sind: "Die bekrönende Leineweberfigur, 3 in hoch, aus Bronce; der Sockel dazu etwa 4 m hoch und die Bassins etwa 5 in breit und 6 in lang aus Muschelkalk. [ ... ] die 4 Sockelfiguren bleiben als Bossen, jedoch architektonisch aufgelöst stehen; [ ... ] 2 Bassins mit 22 Wasserspeiern; [ ... ] 2 Kinderfiguren als seitlichen Abschluss des Bassins in Verbindung mit den Wappen von Ravensberg und Brandenburg nebst den Jahreszahlen 1609 und 1909."

Perathoner konnte nun, nachdem die Bedingungen festgesetzt waren, mit der Ausführung des Projekts beginnen. Die Suche nach einem geeigneten Atelier fiel im Januar 1909 zugunsten des großen Saales auf dem Sparrenberg aus 21); schwieriger schien es, ein passendes Modell für die Figur des Leinewebers zu finden, zumal das Handwerk ja schon damals nicht mehr ausgeübt wurde. Doch auch diese Frage löste sich zu Perathoners Zufriedenheit: "Endlich fand er in der Person des Webers Heinrich He1enbrock aus Niederjöllenbeck eine Persönlichkeit, in der ihm der westfälische Typus am schärfsten ausgeprägt erschien. Es ist dies ein früherer Leineweber, der noch selbst seine selbstgefertigte Leinewand in dem Holsten[!] nach Bielefeld hereingebracht hat." 22) Fast täglich mußte nun Heienbrock von Jöllenbeck auf den Bielefelder Sparrenberg kommen, um Perathoner Modell zu sitzen. Während die bildhauerischen Arbeiten zügig voran gingen, folgten zahlreiche Bielefelder Bürger und Firmen dem Spendenaufruf des Magistrats, darunter auch die Textilfirma Kisker; sie hatte bereits eine größere Geldsumme zur Verfügung gestellt und ersuchte nun um das Recht, die Abbildung der Leineweber-Figur als Schutzmarke für ihre Fabrikate nutzen zu dürfen - ein frühes Beispiel von Sponsoring ! 23)

Weber, Hans Perathoner

Als der Stichtag der Denkmalsenthüllung, der 16. Juli, näherrückte, war das Werk soweit fertiggestellt, daß man es am vorgesehenen Platz aufstellen konnte. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten wurde das LeineweberDenkmal des Hans Perathoner im Beisein des Künstlers, des Bielefelder Magistrats sowie zahlreicher Bürger feierlich enthüllt:

"In zwanglosem Zuge begaben sich sodann die Festteilnehmer nach dem Altstädter Kirchplatz, wo das Brunnendenkmal, von einer Hülle umgeben, emporragte. Der Platz war aus Anlaß der Feier gleichfalls festlich geschmückt.

[ ... ] Eine hundertköpfige Menge drängte sich in den Straßen, um den ersten Blick auf das Denkmal werfen zu können.

[Nach einer Ansprache des Oberbürgermeisters] fiel die Hülle von dem Denkmal, und die Figur des kernigen, biedern alten Leinewebers bot sich den Blicken der Zuschauer [ ... ].

Der Eindruck, den das Standbild auf die Festteilnehmer machte, war ein allseitig befriedigender und man äußerte sich durchweg lobend über das Werk des Künstlers ]." 24)

Der Autor des zitierten Zeltungsartikels gibt im Anschluß an die Schilderung der Enthüllungsfeierlichkeiten eine äußerst positive künstlerische Bewertung des Denkmals, die ein Licht auf Perathoners Gesamtkonzept und somit auf die Idee seines künstlerischen Schaffens insgesamt wirft. Außerdem zeigt sie den Stand der Arbeit zum Zeitpunkt der Enthüllung und vermittelt mit der exakten Beschreibung der noch auszuführender Arbeiten ein sehr viel präziseres Bild vor allem des Denkmalsockels, als wir es bisher haben. Der Text sei daher hier in Auszügen wiedergegeben.

"Das Bestreben, das den Künstler leitete, ging vor allem dahin, einen eigenartigen, charakteristischen Städteplatz zu schaffen, wie solche die alten Städte so häufig aufweisen. Unter diesen Plätzen sind diejenigen die schönsten, die mit einem Brunnen geschmückt sind, den gewöhnlich irgendeine typische Figur krönt. Man fängt erst in neuerer Zeit wieder an, Brunnendenkmäler zu bauen. Während solche in älteren Zeitperioden sehr beliebt waren, hörte in der Barockzeit der Bau von Brunnen fast vollständig auf [... ] In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts baute man dann, angeregt durch die großen Kriege fast ausschließlich Denkmäler von berühmten Persönlichkeiten. Diese Denkmäler paßten gewöhnlich weder in den Platz, auf dem sie standen, noch trugen sie überhaupt zur Verschönerung der Stadt bei, sondern sie wurden eben nur ihrer historischen Bedeutung wegen errichtet.

Ein derartiges schematisches Denkmal wollte man hier nicht bauen, sondern, wie schon gesagt, vor allem einen charakteristischen Platz von besonderer Eigenart schaffen. Zu diesem Zwecke ist auch das Denkmal der Kirche angepaßt worden, die das Hauptbauwerk des Platzes und von ganz hervorragender architektonischer Bedeutung ist.[... ]

Ist so der Brunnen dem Platze angepaßt worden, so sollte die Figur auch nicht irgend ein beliebiges Denkmal werden, sondern eine typische Figur aus der hiesigen Gegend, und man wählte zu diesem Zwecke den Leineweber

Der Leineweber ist in der charakteristischen alten Ravensberger Tracht dargestellt [... ]. Das Verschlossene, Herbe, gepaart mit einer gewissen Verschmitztheit, das typisch ist für die Gesichtszüge des niedersächsischen Volksstammes ist in der Figur vorzüglich getroffen.

[ ... ]. Nur sei ergänzend noch gesagt, daß in das oberste Becken noch ein Bronzekörper eingesetzt wird, den eine Schale krönt, deren Rand ein Kranz von zehn wasserspeienden Fröschen bildet. Dieser Kranz wird von vier Köpfen getragen, die gleichfalls Wasser speien. [ ... ] Dann sollen auch die Ausflußöffnungen mit Wasserspeiern in Gestalt von Steinköpfen versehen werden. Endlich werden auch auf beiden Seiten des vorderen Beckens Knabenfiguren angebracht werden, von denen die eine das Ravensberger Wappen mit der Jahreszahl 1609, die andere das preußische Wappen mit der Jahreszahl 1909 hält." 25)

Hinzugefügt sei, daß Perathoner bei der Ausarbeitung der Leineweberfigur dem schon im Soldatenfries auffallenden Stil treu blieb. Auch die Züge des Leinewebers wirken wie grobe Schnitzarbeit, sicherlich abermals eine Reminiszenz des Bildhauers an die Volkskunst seiner ladinischen Heimat.

Bis die zum Zeitpunkt der Enthüllung noch fehlenden Elemente ergänzt waren, dauerte es noch ein gutes halbes Jahr, die Schlußabnahme durch die vertraglich festgelegten Gremien erfolgte am 1. März 1910. 26)

Allgemein fand das Denkmal in der Öffentlichkeit eine wohlwollende und zustimmende Beurteilung. E. Schoneweg lobt vor allem die Ausgewogenheit zwischen künstlerischer Gestaltung und Volksnähe: "Man muß nur einmal das Urteil der Landleute gehört haben. Immer wieder gehen sie hin, um >den aulen Heijenbreok to beseuken< [den alten Heienbrock zu besuchen, Anm. d. Verf.1. Und wer den alten Mann kennt und studiert dann in aller Muße das Denkmal, der staunt darüber, wie der Oestreicher Perathoner diesen Ravensberger verstanden hat." 27) Die wenigen Kritiker, derer sich ja im Zusammenhang mit dem Soldatenfries am Bezirkskommando noch mehrere lautstark geäußert hatten, mußten sich kleinlich an einige Details klammern. So nahm Hugo Niemann Anstoß am Barte der Leineweberfigur: "So sehr ich mich bemüht habe, in den Trachten- und illustrierten historischen Büchem einen westfälischen Bauern mit Vollbart abgebildet zu sehen: ich habe keinen gefunden. Die Leinenverkäufer kamen noch in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit glattrasiertem Antlitz in die Stadt.28) Schoneweg entkräftet den Vorwurf in seinem bereits zitierten Aufsatz, indem er darauf hinweist, daß der Bart eben gerade in der 2. Hälfte des 19. Jh. in Mode gekommen sei. Liest man indes Niemanns Aufsatz aufmerksam weiter, so kommt der Verdacht auf, daß sich seine Kritik nicht wirklich gegen das beschriebene historische Detail richtet, sondern aus einem prinzipiellen Vorbehalt gegen Perathoner als auswärtigem Künstler erwächst, der eben nicht in der Lage sei, das Wesen eines Einheimischen zu erfassen. Wie sonst ist sein an den Haaren herbeigezogener Vergleich zu bewerten: "Das Standbild des Landsmannes des Herrn Perathoner auf dem Berge Isel, dasjenige des Landwirts[!] Hofer, würde ohne den prächtigen Vollbart nicht den unmittelbaren Eindruck machen; für einen westfälischen Bauer ist aber der Bart gar nicht angebracht."

Wie gesagt, es blieb bei vereinzelten Angriffen, da das Standbild auf breite Zustimmung stieß. Doch sollte sich die bei Niemann durchklingende Tendenz einer generellen Ablehnung "fremder" Künstler in gewissen Kreisen der Bevölkerung deutlicher manifestieren, als Perathoner im Jahre 1813 mit der Gestaltung des Portalreliefs der Kapelle des städtischen Senne-Friedhofs beauftragt wurde. Es ist hier nicht der Ort, auf diese Angelegenheit ausführlich einzugehen; daher sei nur erwähnt, daß die Enthüllung des Reliefs einen regelrechten Kunstskandal auslöste. Der Streit entzündete sich an der nach damaliger Auffassung allzu freizügigen Gestaltung der Figuren des Reliefs, nahm jedoch bald eine Richtung, die deutlich auf die Person und Herkunft Perathoners abzielte: "Ist denn unsere engere Heimat so arm an künstlerischen Talenten, daß man nur f r e in d e Künstler für solche Arbeiten zur Verfügung hat? [ ... ] In unserer Zeit, der wiedererwachenden Heimatkunst sollte man nicht vergessen, daß rechte Heimatkunst nur von Heimatkünstlern geschaffen werden kann." 29)

Es wundert kaum, daß im Verlauf dieser vorwiegend in Form von Leserbriefen geführten Auseinandersetzung schließlich auch das nunmehr vier Jahre alte Leineweberdenkmal Gegenstand nachträglicher Schmähungen wurde. Ob Perathoner die Konsequenz aus der Kampagne zog, als er 1914 dem ehemaligen Leiter der Bielefelder Handwerkerschule Wilhelm Thiele an die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule nach Berlin-Charlottenburg folgte, bleibt unklar; Perathoner selbst hat dies jedenfall immer bestritten.30) Perathoner lebte und wirkte bis zu seinem Tode am 28. Juli 1946 in Berlin. In Bielefeld hinterließ er, neben den genannten Werken, vor allem Grabmäler auf den Ruhestätten einiger wohlhabender Bielefelder Bürger.

Das weitere Schicksal des Leineweberdenkmals ist schnell berichtet: Während ein Luftangriff am 30. September 1944 die Altstädter Nicolai-Kirche in großen Teilen zerstörte, kam der Leineweber mit unerheblichen Beschädigungen davon. 1954 mußte Perathoners Denkmal dem Ausbau einer Straße weichen; das Leineweber-Standbild wurde sechs Jahre lang im städtischen Bauhof zwischengelagert. Schließlich erhielt es seinen neuen Standort hinter der Altstädter Kirche. Daß der Leineweber dabei auch einen neuen Sockel sowie eine neue Brunnenanlage erhielt, beides vom Bielefelder Architekten Willi Heiner, mochte mit den Erfordernissen des neuen Standortes zusammenhängen; ein wesentlicher Teil des seinerzeit von Perathoner als Gesamtanlage konzipierten Werkes ging dadurch für immer verloren. So ist heute nur mehr die Figur des Leinewebers selbst im Originalzustand erhalten - neben der auf den Höhen des Teutoburger Waldes thronenden Sparrenburg immer noch eines der Wahrzeichen der Stadt.

Bemerkungen

1) Über Leben und Werk Perathoners vgl. auch Rudolf Moroder-Rudolfine: *'Hans Perathoner (1872-1946). Ein Bildhauer auf der Suche nach der Wahrheit", in: Der Schlern 70 (1996), S. 387-396, erschienen kurz nachdem vorliegender Beitrag bereits an die Redaktion der Ladini>a eingereicht war.

2) Franz Bock, Hans Perathoner. In: Westfälisches Kunstblatt. Monatliche Rundschau für bildende Kunst, Musik und Dichtung, hsg. von Dr. Franz Bock. 2. Jg. 1908/09, Nr. 5, S. 86-88.

3) Ulrike Quartier/Maria Ritsche, Chroiiik einer Schule in Bielefeld 1907-197 1. Diplomarbeit, eingereicht an der Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Design im Sommersemester 1992, S. 13.

4) Quartier/Ritsche, S. 14.

5) Quartier/Ritsche, S. 15.

6) Bock, a.a.0.

7) Volkswacht vom 29.9.1908.

8) Westfälische Zeitung vom 21.11.1913.

9) Schreiben des Magistrats an das Presbyterium der Altstädter Kirchengemeinde vom 19.8.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Akten des Magistrats Bielefeld, Geschäftsstelle I, V., Abt. E. Nr. 10 Bd. 1: Bauakte MBA 18.

10) Brief Franz Bocks an ein Bielefelder Magistratsmitglied vom 1. August 1908. Stadtarchiv Bielefeld, B auakte MBA 18.

11) So jedenfalls der schon zitierte Leserbrief in der Volkswacht vom 29.9.1908.

12) Brief Franz Bocks an ein Bielefelder Magistratsmitglied vom 10. September 1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

13) Der Gang der Verhandlungen ist durch folgende schriftstücke im Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18, belegt:

13.8. Protokoll der Besichtigung eines Entwurfs Perathoners in dessen Werkstatt durch Magistratsmitglieder und Sachverständige

17.8. Magistratsbeschluß über die Aufstellung eines Leineweberdenkmals

19.8. Schreiben an das Presbyterium der Altstädter Kirchengemeinde

20.8. Zustimmendes Schreiben Pfarrer Trautemanns an den Magistrat.

14) Schreiben Perathoners an den Magistrat vom 27.8.1908, z. Hd. OB Stapenhorst, dem eine Fotografie des Entwurfs beigefügt war. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

15) Schreiben Perathoners an den Magistrat [Kostenaufstellung verschollen] vom 21.10.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

16) Sitzungsprotokoll vom 22.10.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

17) Schreiben des Magistrats an Perathoner vom 22.10.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

18) Schreiben Perathoners an den OB Stapenhorst vom 29.10.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

19) Ratsbeschluß vom 30.11.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

20) Vertrag vom 18.12.1908. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

21) Magistratsbeschluß vom 11.1.1909. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

22) Westfälische Zeitung Jg. 99 (1909), Nr. 165 vom 17. Juli.

23) Schreiben der Firma Leinenkisker an den Magistrat vom 8.2.1909. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

24) Westfälische Zeitung Jg. 99 (1909), Nr. 165 vom 17. Juli. stammes, ist in der Figur vorzüglich getroffen.

25) Westfälische Zeitung Jg. 99 (1909), Nr. 165 vom 17. Juli.

26) Abnahmeprotokoll vom 1.3.1910. Stadtarchiv Bielefeld, Bauakte MBA 18.

27) E.Schoneweg, Ist unser LeineweberBrunnen ein historisch treues Denkmal?, in: Ravensberger Blätter für Geschichts-, Volks- und Heimatskunde. 10. Jg. (1910), Nr. 7, S. 49f.

28) Hugo Niemann, Der Bart des Leinewebers, in: Ravensberger Blätter für Geschichts, Volks- und Heimatskunde. 9. Jg. (1909), Nr. 8, S. 54.

29) Leserbrief in der Westfälische Zeitung vom 28. November 1913.

30) Quartier/Ritsche, S. 34.

Aus:

LADINIA
SFÖI CULTURAL DAI LADINS
DLES DOLOMITES
nr. 20, Seite 119
ISTITUT LADIN »MICURA DE RÜ« - SAN MARTIN DE TOR 1996

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